Leseproben Calling USA

Prolog: Ein Traum
Endlich, nach mehreren zittrigen Fehlversuchen, gelang es ihr, die vollständige Nummer über die Wählscheibe einzugeben. Die Leitung blieb trotzdem tot. Der Schweiß rann ihr von der Stirn. Es bestand kein Zweifel: Es ging um Leben und Tod! Etwas Schreckliches würde passieren, wenn sie ihn nicht erreichen konnte. Ich muss zu ihm fahren. Das ist die einzige Möglichkeit. Jetzt! Sofort! Ihre Gedanken rasten.
Voll Entsetzen stellte sie fest, dass ihr der Weg entfallen war, als hätte jemand mit einem höhnischen Grinsen die Information in ihrem Hirn gelöscht.
Verzweifelt presste sie eine Hand auf die Brust, in der Hoffnung, dass ihr Herz dann nicht mehr so heftig schlagen würde. Jemand klopfte an die Tür der Telefonzelle. Draußen stand ein großer, alter Mann, bekleidet mit einem grauen Regenmantel. Fast die gleiche Farbe hatten sein Haar und der kinnlange Vollbart. Von den verschwommenen Gesichtszügen des Mannes ging etwas Bösartiges aus. Während er heftig an der Tür rüttelte, sagte er etwas. Die Worte verstand sie nicht. Ihr wurde übel. Schwer atmend lehnte sie sich mit dem Rücken an eine Wand der Zelle und konnte nicht verhindern, dass sie vollkommen kraftlos langsam nach unten rutschte. Als sie hilflos auf dem Boden saß, riss der Mann mit zornigem Gesicht die Tür auf.
„Was zum Teufel soll das?“, schrie er. „Die Verbindung funktioniert nicht. Da kannst du machen, was du willst.“

Zwischenzeiten
Ende Februar 1991
Die USA sind jetzt mit Panzern im Irak.“ Lina sah ihre Enkelin erwartungsvoll an.
„Oma, was soll ich denn jetzt dazu sagen?“, entgegnete Lydia.
„Meinst du, dass Steve dort ist?“
Lydia begann, innerlich zu frieren. „Das kann ich mir nicht vorstellen“, antwortete sie mit bebender Stimme. „Ich habe vor Jahren einige Male mit ihm telefoniert, da war er Zivilist und arbeitete gerade als Autoverkäufer.“
Trotzig hielt Lydia dem traurigen Blick ihrer Großmutter stand.
„Vielleicht war er Reservist. Dann kann er wieder eingezogen werden, wenn es einen Krieg gibt.“ Mit den Fingern der rechten Hand trommelte Lina auf dem Tisch, während sie ihre Enkelin nicht aus den Augen ließ.
Das Geräusch der Finger auf dem Holz löste in Lydia einen Fluchtinstinkt aus. Ich will weg! Was ist nur los mit mir? Warum regt mich das so auf? „Oma, sieh mich nicht so an. Ich habe keine Ahnung, wo er ist und was er tut, aber ich glaube nicht, dass er im Irak kämpft. Es war 1983 oder 84, als wir das letzte Mal Kontakt hatten.“ Ich hoffe so sehr, dass er nicht im Golfkrieg ist.
„Wollte er dich da nicht sogar besuchen?“ Lina trank einen Schluck Kaffee, schmatzte dabei, weil sie ihr Gebiss nicht im Mund hatte.
Sie hörte auf, zu trommeln und Lydia entspannte sich etwas. Aber ihr Magen fühlte sich flau an. „Ja, aber es ist nichts daraus geworden, weil er keinen Pass hatte.“
„Ach“, Lina seufzte. „Ich mochte ihn, war ein netter Kerl und – hübsch.“
Lydias Sonnengeflecht vibrierte, nur ganz sacht, aber sie wusste, es würde heftiger werden. Sie hatte ihrer Großmutter etwas verschwiegen. Damals am Telefon hatte Steve davon gesprochen, dass er sich mit dem Gedanken tragen würde, wieder in die Armee einzutreten.
„Der Steve, der war doch bei den Panzern?“
„Ja Oma, genau.“ In Lydias Unterleib raste eine Achterbahn um eine sehr enge Kurve.

Alte Fotos
Februar 2014
„Wie meinst du das?“ Mit Entsetzen stellt Lydia fest, dass sie anfängt zu schwitzen. Auch das noch. Sind das jetzt die Wechseljahre oder ist es Aufregung?
„Na ja“, tönt es von ihrem Schreibtisch aus dem auf Lautsprecher geschalteten Handy. „Passieren kann dir nichts. Entweder du kriegst eine Antwort oder du kriegst keine.“
Ja, wenn es so einfach wäre, denkt Lydia aufgebracht. Was ist mit der Vorfreude, der Erwartung, der Angst? Sie nimmt ihren Kuli und beginnt damit, Strichmännchen auf ein Blatt Papier zu kritzeln. „Birgit, du hast ja recht, aber wenn die sich nicht melden, komme ich mir schon doof vor.“ Nicht nur das, fügt sie im Stillen hinzu, dann drehe ich wahrscheinlich durch. Unwillig schüttelt Lydia den Kopf, als könnte sie so die beunruhigenden Gedanken und Gefühle vertreiben, was ihr natürlich nicht gelingt. Frustriert wirft sie den Kuli auf die Schreibtischplatte.
„Also, ich finde es gut, dass du einen Teil von diesen Fotos zurückgeben willst“, redet Birgit fröhlich weiter. „Ich weiß noch genau, da waren auch welche von seiner Familie dabei und ein paar offizielle, in Uniform und so. Je älter man wird, umso mehr schätzt man Erinnerungen an früher. Und ich denke mal, dass Steve in Uniform für seine Familie auch nicht uninteressant ist.“
„Ja, ich wünschte nur, wir hätten mehr Bilder aus der Zeit. Heutzutage werden ständig Fotos mit den Handys geschossen und in die Welt hinausgepostet.“
„Ja, aber deshalb ist es auch nichts Besonderes mehr.“ Eine kurze Pause entsteht. „Erklär mir bitte nochmal, wieso du ausgerechnet jetzt diese Aktion startest? So richtig verstehe ich das nicht.“
Warum hat Birgit ihr nicht zugehört? Wieso muss sie das jetzt nochmal erzählen? Nur mit Mühe beherrscht Lydia ihre Stimme. „Laura verlangte Fotos von mir, weil sie für meinen 54. Geburtstag einen Film zusammenstellen möchte. Das war für mich der Anlass, meine alte Kiste hervorzuholen und darin herumzukramen. Da ist mir klar geworden, wie viele Bilder ich von ihm und seiner Familie habe. Irgendwie ist das nicht richtig.“ Sie erzählt Birgit nicht, dass beim Öffnen des Deckels das zuoberst liegende Bild auf ihren Schoß rutschte. Im Bruchteil einer Sekunde nahm sie nur noch die Augen des jungen Mannes wahr: grün und braun, gelbe Sprenkel. Hazel Eyes …

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